Weiß, männlich, Terrorist.

05. Juli 2022

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Foto: Zoe Opratko
Foto: Zoe Opratko

Ein Mann erschießt in Kopenhagen drei Menschen. Der Angriff wird nicht als Terrortat eingestuft. Die Schlagzeilen diverser Medien lassen nicht lange auf sich warten: Gesprochen wird von einer „Gewalttat“, „Bluttat“, und „Tödlichen Schüssen.“ . Der Täter: weiß, männlich, psychisch krank. Bei dem Begriff „Terror“ entsteht in unseren Köpfen oft das Bild eines islamistischen Attentäters. Daran Schuld sind vor allem wir Journalist:innen.

 

Vergangenen Sonntag erschießt ein 22-jähriger Däne drei Menschen in einem Kopenhagener Einkaufszentrum, weitere Menschen werden schwer verletzt. Die dänische Polizei stuft den Angriff nicht als Terrortat ein. „Es gibt keine Hinweise in den Ermittlungen, Dokumenten oder Zeugenaussagen, die belegen könnten, dass es sich um Terror handelt“, so Chefinspekteur Sören Thomassen dem Sender TV2 zufolge. Der mutmaßliche Täter habe wahllos auf Menschen gefeuert. Das Motiv ist stand heute noch unklar. Laut der Polizei ist der Tatverdächtige psychisch krank. Der 22-jährige hatte laut APA vergangenen Freitag Videos veröffentlicht, in denen er mit Waffen posiert und von Psychopharmaka spricht, "die nicht wirken". Die YouTube- und Instagram-Konten, die dem Tatverdächtigen gehören sollen, wurden in der Nacht zum Montag gesperrt. Während die Behörden ihre Arbeit machen, passiert mit der Berichterstattung das Übliche. Wieder geht die Leier von vorne los: Der Täter ist weiß (die Rede ist von einem „ethnischen Dänen“), männlich, psychisch krank. Von Terror und Distanzierungs-Aufrufen hört man aber nichts. Wie denn auch, sollen sich alle Menschen, die eine Wut auf die Gesellschaft haben (was bei Taten dieser Art oft als Motiv genannt wird) und gerne Counter-Strike spielen, von der Tat distanzieren? Wie absurd wäre das denn? Dazu kommen wir gleich.

„Mit dem Gewehr über der Schulter“ Schlagzeile oder Liebesroman?

„Bluttat in Kopenhagen: Mit dem Gewehr über der Schulter“ titelt die FAZ gestern. Diese Headline liest sich wie ein Titel eines coming-of-age-Romans.  Welches Bild entsteht in unseren Köpfen, wenn wir diese Zeile lesen? Ich bin mal so direkt : Ich denke weniger an einen Terroristen, der Menschen tötet, sondern mehr an eine heroische Märchengestalt. Bei dem Begriff „Terror“ entsteht ein ganz anderes Bild in meinem Kopf: Das eines Mörders, der in dunkle Kleidung gehüllt ein Gewehr zückt und auf Menschen schießt. Und ja, auch ich bin so rassistisch sozialisiert, dass dieser Begriff als allererstes islamistischen Terror verkörpert. Warum das falsch ist, dazu später. Das ist nur meine Eigenwahrnehmung, aber ich wage an dieser Stelle zu behaupten, dass ich nicht alleine mit diesem Bild bin. Jedenfalls: Es sind Menschen gestorben, hier ist kein Platz für unpassende, fast schon poetische Umschreibungen. Andere Zeitungen schreiben von „tödlichen Schüssen“ , und einem „blutigen Angriff.“

Das Motiv sei noch unklar. Mein erster Gedanke: Welches Motiv kann denn bitte jemand haben, der mit einem Gewehr wahllos auf Menschen schießt? Der Duden definiert Terror als die „[systematische] Verbreitung von Angst und Schrecken durch Gewaltaktionen (besonders zur Erreichung politischer Ziele)“ bzw. einen „gewalttätigen, auf Vernichtung, Zerstörung zielenden Angriff“ Was war diese Tat denn, wenn kein Terror? Und ja, ich muss es an dieser Stelle ansprechen, bitte nicht mit Äpfel und Birnen-Vergleichen kommen, wir wissen alle, wie die Realität aussieht: Bei Anschlägen mit islamistischem Hintergrund ziert sich niemand davor, diesen auch als solchen zu bezeichnen. Und auch zurecht. Islamistischer Terror ist Terror, rechtsextremer Terror ist Terror. Terror ist Terror. Vor drei Wochen wurde laut BVT ein Anschlag auf den Vienna City Marathon vereitelt. So titelten einige österreichische Medien „Dschihadisten-Mordplan verhindert,“ „Terror-Katastrophe vereitelt“, „IS-Terror in Wien verhindert.“ Hier stimmt das Wording.

 

Wer definiert „Terror?“

Die „Wiener Terrornacht“ vom 2 November 2020 wird uns auch ewig in trauriger Erinnerung bleiben. Das war Terror, und wird auch als solcher bezeichnet. Hier war das Motiv allen schnell glasklar, es war ein islamistisch-extremistisch motiviertes Attentat. Oder das jüngste Beispiel: Der Terroranschlag in Oslo Ende Juni. Hier erschoss ein Mann, der von den Behörden als radikaler Islamist verdächtigt wurde, zwei Menschen in einer bei der queeren Community beliebten Bar. Die Tat wurde als islamistischer Terror eingestuft. Es war keine Rede von psychischen Problemen. Ich frage mich an dieser Stelle, ob nach dieser Begründung gesucht wird, wenn man nicht schnell genug ein Motiv findet. Reicht denn „Absicht, Menschen zu töten“ nicht als Motiv? Ich kann diese „psychische Probleme“-Leier nicht mehr hören. Niemand, der so eine Tat verübt, ist psychisch stabil, wage ich einmal zu behaupten. Niemand, der grundlos andere Menschen tötet, kann das rechtfertigen.

Ein anderes Problem ist das Wording an sich. Vielleicht liegt es auch an den Formulierungen der deutschen Sprache, die gerne die passive Form verwendet. Genauso stößt es mir nämlich sauer auf, wenn wieder die Rede davon ist, dass eine „Frau vergewaltigt wurde.“, „Kinder in den USA durch Schusswaffen getötet wurden.“ Sie wurden nicht durch eine leblose Waffe getötet, ein Mensch hat diese gesteuert und sie erschossen. Ein Mann hat eine Frau vergewaltigt. Aktiv. Auch beim Thema Femizide liest man vor allem in heimischen Medien von „Beziehungsdramen“ und „Familientragödien.“ Bezeichnet die Taten doch als das, was sie sind: Mord. Sprache schafft Wirklichkeit. Wir Journalist:innen tragen hier eine unheimlich große Verantwortung, wir bestimmen den Diskurs zu einem großen Teil mit. Natürlich, wir können uns über hochwissenschaftliche Definitionen streiten und zaghaft versuchen, das Narrativ zu steuern. Nein, ich bin nicht komplett verblendet, danke der Nachfrage. Mir ist bewusst, dass Einzeltäter und struktureller Terror nicht dasselbe sind. Und weiter: Es mag Einstufungen und  juristische Termini geben, die solche Taten einordnen, aber davon bekommt die Gesamtgesellschaft wenig mit. Die Gesamtgesellschaft liest Schlagzeilen, bildet sich sehr schnell eine Meinung und bezieht Position. Dann muss man sich aber auch die Frage stellen, ob es nicht an der Zeit wäre, diese Definitionen zu ändern oder anzupassen? Es liegt in unserer journalistischen Verantwortung, sie zu hinterfragen und so den Diskurs mitzusteuern. Damit wir Taten als das benennen, was sie sind. Ohne Verharmlosungen, Umschreibungen und Framing. Genau wie jetzt die Opfer in Kopenhagen nicht „durch tödliche Schüsse“ gestorben sind. Sondern durch Terror.

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