Wer cancelt hier wen?

27. Juni 2023

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Die Diskussion darum, was man eigentlich noch sagen darf und was nicht, ist keine neue. Der Vorwurf, der meist vom rechten ans linke Lager gerichtet ist, lautet Verbotskultur und falsche Prioritätensetzung. Unterstellungen, die man, angesichts der neuesten Berichte über ein Genderverbot für niederösterreichische Behörden, auch umdrehen könnte.

„Heutzutage darf man ja gar nichts mehr sagen!“ – eine Behauptung, der die einen mehr, die anderen weniger zustimmen würden, an der man aber schwer vorbeikommt zurzeit, denn die Debatte um Wokeness und politische Korrektheit ist groß. Vielleicht ist es an der Zeit für einen Perspektivenwechsel.

Muss die linke Bubble mehr verzeihen?

Meine Freundin wurde neulich gefragt, ob es nicht irgendwie stimme, dass die linke Bubble zu unnachsichtig ist mit all den Leuten, die mit manchen Diskursen einfach noch nicht in Berührung gekommen sind, die das “woke“ Vokabular einfach noch nicht so drauf haben. Ob queer-feministische Forderungen nach sensibler Sprache nicht elitär und arrogant wären, ob wir nicht wichtigere Probleme hätten. Während mein Puls in die Höhe ging und ich mich schon bereit machte, meiner Freundin bei der kommenden Diskussion den Rücken zu stärken, sagte sie etwas Überraschendes:

„Klar, manche Menschen sind mit bestimmten Themen noch nicht so vertraut, manche Menschen verwenden unabsichtlich verletzende oder abwertende Begriffe. Das Schlimmste, was sich diese Menschen unter Umständen anhören müssen, ist ein Hinweis, warum und wie sie es besser machen sollten. Wenn hingegen ich, „politisch korrekte Linke“, wie du mich nennen würdest, am falschen Ort, das Falsche sage, droht mir im schlimmsten Fall Gewalt. Wer in unserer Gesellschaft wirklich unter Druck steht, nicht „das Falsche“ zu sagen, solltest du also vielleicht nochmal überdenken.“ Da schluckte ihr Gegenüber erstmal. Und ich auch, ehrlich gesagt. Normalerweise hasse ich es, dass meine Freundin immer Recht hat. In diesem Fall wusste ich, ich muss darüber schreiben.

„Auf der Arbeit würde ich nie gendern“

Während in Österreich - dem Land der großen Söhne und umstrittenen großen Töchter - gerade ein anti-gendern-Volksbegehren läuft, für niederösterreichische Behörden noch diesen Sommer ein Genderverbot unter ÖVP und FPÖ durchgesetzt werden soll und sich das rechte Eck an Begriffen wie „Doggy“ und „Rimming“ in einer Safer-Sex-Kampagne stört, kann man sich schonmal fragen, wer hier eigentlich wem den Mund verbietet. Und man könnte sich auch berechtigterweise wundern, ob wir keine größeren Probleme haben. Davon abgesehen, gibt es auch im Alltag „politisch korrekter“ Personen genug Situationen, in denen sie das Gefühl haben, bestimmte Dinge nicht sagen zu können. Ich muss es wissen, schließlich kenne ich genug solcher Personen und bin auch selbst eine von ihnen.

Es sind Leute, die auf der Arbeit nie gendern würden, weil sie sich die Kommentare ihrer Kolleg*innen nicht antun wollen. Es sind Leute, die flüchtigen Bekannten nie anvertrauen würden, dass sie schwul sind oder, was ihre richtigen Pronomen sind, weil man nie wissen kann, wie halb Fremde darauf reagieren könnten. Es sind Leute, die sich den Kontext einer Situation ganz genau anschauen, bevor sie sich kritisch über Themen wie Rassismus, Sexismus, Gender, Sexualität oder Identität äußern, denn der falsche Kontext könnte verbale oder sogar physische Gewalt bedeuten. „Heutzutage muss ich leider immer noch aufpassen, was ich zu wem sage“, denkt sich die linke Bubble dann, während ihr der nächste dahergelaufene Herbert ein Meinungsdiktat unterstellt.

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