„Wir sehen den Krieg hier live“ – Wie TikTok die Berichterstattung beeinflusst

28. Februar 2022

Tik-Toks von Frontsoldaten, fake-Livestreams aus Hochhäusern und POV-Berichterstattung aus Kiews Bunkern: TikTok ist dieser Tage eine der größten Informationsquellen über den Krieg in der Ukraine. Aber: Bitte mit Vorsicht genießen.

 „Die letzte Nacht war die schlimmste bis jetzt. Wir werden von allen Seiten angegriffen. Wir mussten uns im Schutzbunker verstecken“ sagt die Ukrainische Tik-Tok-Userin @mila.alien in einem Video. Die Ukrainerin ist gerade in ihrer Wohnung in Kiew und schickt mehrmals am Tag Updates in die Welt – via TikTok. Das Video wurde fast 1 Million mal abgerufen. Immer mehr Ukrainerinnen und Ukrainer nutzen die Plattform, um in Echtzeit aus ihrer Heimat zu berichten. Livestreams aus den Kiewer U-Bahn-Stationen, die momentan als Schutzbunker dienen, Videos aus Kellern und aus Wohnungen, in denen die Menschen versteckt sind, Bekleben der Fenster, Bauen von Molotov-Cocktails: TikTok ist über die letzten Tage zur weltweiten direkten und schnellen Informationsquelle geworden, was den Krieg in der Ukraine betrifft.

Tägliche Updates auf TikTok
Tägliche Updates auf TikTok

Live aus dem Panzer

Neben den Videos der Zivilistinnen und Zivilisten findet man auch laufend Updates von der Front: Soldaten, ob ukrainische russische oder tschetschenische, filmen quasi aus ihrem Point of View: Ob aus dem Panzer, vom Feld oder aus der Militär-Base. Dabei erscheinen vor allem in den letzten Tagen immer mehr Videos junger russischer Soldaten, die erklären, dass sie getäuscht wurden: Ihnen wurde mitgeteilt, sie würden zu einer Militärübung fahren – und nicht gegen die Ukraine kämpfen. Manche der Videos sind verwackelt und roh, manche mit musikalischer Untermalung aufbereitet. Manche sind sehr ernst, manche gar absichtlich humorvoll gestaltet.

Userinnen und User aus (fast) der ganzen Welt solidarisieren sich in den Kommentaren mehrheitlich mit der Ukraine, einige vereinzelte mit Russland. Unter jedem Video findet man aber mehrere Kommentare mit dem Wortlaut: „Ich kann nicht glauben, dass ich hier gerade einen Krieg live sehen kann.“

Achtung vor Fakes
Achtung vor Fakes

Achtung vor Fake Videos

Es gibt aber einen entscheidenden Punkt: Verifizieren lassen sich viele dieser Informationen in den Videos nicht. So tauchen immer mehr Videos unter dem Hashtag #ukraine #russiaukrainewar auf, die Kriegsszenen zeigen, welche sich eigentlich vor Jahren abgespielt haben – in Syrien, in Afghanistan oder teilweise einfach bloße Militärübungen sind – jedenfalls nicht aus dem aktuellen Krieg stammen. Hinzu kommen auch viele Falschinformationen – auf TikTok kann jeder ein Video hochladen und es nach Belieben beschreiben. Ob russische Propaganda oder fake News über Todeszahlen oder Szenen in Kiew, Informationen über einen angeblichen Atomkrieg, sogar Szenen aus Filmen werden hier angezeigt– die Menge an Falschmeldungen ist riesig.

Vor allem in der Livestream-Funktion von TikTok: Bei live gestreamten Videos kann die Zuseherschaft spenden, in dem sie sg. „Geschenke“ schickt – somit verdienen die Streamer Geld. Momentan bitten viele von ihnen unter Tränen darum, für die Ukraine zu spenden – auf den Videos sieht man angeblich aus dem Fenster gefilmte Szenen aus Kiew oder anderen ukrainischen Städten, im Hintergrund hört man Bombenalarm. Viele dieser Videos sind aber Fakes: Die Szenen sind entweder vom Fernseher abgefilmt oder zeigen ein zufälliges Hochhaus in beliebigen europäischen Städten, der angebliche Bombenalarm ist ein Sound: Die Streamer befinden sich gar nicht in der Ukraine und nutzen die Situation schamlos aus.

Hinzu kommt der Algorithmus: Viele Userinnen und User bekommen jetzt Videos der US-Army oder allgemein Militär-Content ausgespielt. Da TikTok viele junge Nutzerinnen und Nutzer hat, bricht in den Kommentaren oftmals Panik aus: Viele können nicht unterscheiden, welche Szenen echt sind und welche nicht.

TikTok ist eine lehrreiche und vor allem schnelle Informationsquelle. – Aber bitte prüft immer nach, wer den Account betreibt, welche anderen Videos es auf dem Account schon gibt, überprüft die Behauptungen mit den Infos aus Qualitätsmedien. Im Zweifelsfall gilt immer noch: Nachrichtenagenturen vor TikTok.

 

 

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