Babel - der Film

18. März 2008

Um den Benny zu noch mehr Höchstleistung anzuspornen, poste ich eine Filmkritik zu Babel, Innaritus letzten Film aus seiner Triologie nach Amores Perros und 21Gramm.

 

 

Alejandro González Iñárritu schildert in seinem dritten Werk „Babel“ eindrucksvoll die Schwierigkeiten der menschlichen Kommunikation, sowie die weitreichenden Auswirkungen von scheinbar bedeutungslosen Zufällen. Der mexikanische Regisseur hat sich schon immer für Plots mit schicksalhaften Ereignissen und parallel stattfindenden Geschichten interessiert. Seine ersten beiden Filme „21 Gramm“ und „Amores Perros“ unterminieren diese Vorliebe und das dritte Werk „Babel“ komplettiert die Trilogie über Leben, Leid und Schicksal.

 

Die marokkanischen Hirtenjungen Yussuf (Boubker Ait El Caid) und Ahmed ( Said Tarchani) bekommen von ihrem Vater ein automatisches Gewehr, um damit ihre Herde vor Schakalen zu schützen. Da die unerwünschten Besucher auf sich warten lassen und Yussuf seinem älteren Bruder unbedingt die Zielgenauigkeit der Waffe unter Beweis stellen möchte, soll ein Reisebus als Zielscheibe herhalten. Als der Schuss fällt herrscht absolute Stille. Kurze Zeit später fährt der Bus an den Strassenrand. Lautes Geschrei hallt durch das karge Wüstengebiet.

 

Das wohlhabende Ehepaar Richard (Brad Pitt) und Susan (Kate Blanchett) versucht mit einem Marokko-Urlaub ihre kriselnde Ehe wieder in Lot zu bringen. Die Gräben zwischen ihnen scheinen sehr tief zu sein. Den einzigen verbindenden Punkt stellen die zwei gemeinsamen Kinder dar. Auch die erhoffte Urlaubstherapie scheint nicht zu helfen, Richard und Susan haben sich nichts mehr zu sagen.

 

In San Diego wartet das mexikanische Kindermädchen Amelia (Adriana Barraza) sehnsüchtig auf die Rückkehr ihrer Arbeitgeber, schließlich heiratet am Abend ihr Sohn und das möchte sie auf keinen Fall säumen.

Ihr Dienstherr teilt ihr telefonisch mit, dass seine Frau in Marokko von einer Kugel getroffen wurde und ihre Schwester, die vorgesehene Aufsichtperson, damit beschäftigt ist bürokratische Schritte einzuleiten um einen Hubschrauber in das abgeschiedene Dorf zu beordern. Amelia beschließt darauf die blonden, amerikanischen Kids mit auf die Hochzeitsfeier mitzunehmen, was sich später als ein verhängnisvoller Fehler herausstellen wird. Bei der nächtlichen Rückfahrt mit ihrem alkoholisierten Neffen Santiago (Gael Garcia Bernal) kommt es zu einer wilden Verfolgungsjagd, das Kindermädchen mit den zwei kleinen Kindern wird mitten in der Wüste abgesetzt.

 

Währenddessen versucht in Tokio das junge Mädchen Chieko (Rinko Kikuchi) mit den Begleiterscheinungen der Pubertät zurechtzukommen. Die Tatsache, dass die junge Frau taubstumm ist, macht die Sache nicht unbedingt leichter. Chieko hat den Selbstmord ihrer Mutter, die sich mit dem Gewehr ihres Vaters das Leben nahm, noch immer nicht überwunden. Sie sucht inmitten der lärmenden Millionenmetropole Tokio nach Nähe und ersten sexuellen Erfahrungen. Die Unvernunft der Menschen, denen sie jeden Tag begegnet, erfüllt sie mit Wut und Trauer. Auf der Suche nach emotionaler Bindung greift sie zu verzweifelten Aktionen. Um den männlichen Altersgenossen zu zeigen, dass sie trotz ihrer Behinderung eine attraktive, sexuell anziehende Frau ist, läuft sie in der Cafeteria mit Minirock ohne Slip herum, versucht ihren Zahnarzt zu küssen und entblösst sich vor einem Polizeidetektiv. Dieser wollte eigentlich ihren Vater zu einem Vorfall mit auf seinem Namen gemeldetem Gewehr in Marokko befragen. Yasuyiro (Koji Yakusho), ein japanischer Geschäftsmann und Grosswildjäger, hinterließ die Waffe einem heimischen Jagdführer bei einem Besuch in Marokko als Zeichen der Dankbarkeit. Somit ist die Verwebung der Vorkommnisse auf den drei Kontinenten zu einer direkt zusammenhängenden Geschichte perfekt. Anzumerken ist, dass der Konnex nach Tokio mehr einen symbolischen als unmittelbaren persönlichen Charakter trägt.

 

Babel spielt von schicksalhaften Zufällen, einer hoch sterilisierten Terrorangst und der Unfähigkeit der Menschen trotz bester Voraussetzungen, verknüpft mit technischen Bedingungen, miteinander zu kommunizieren und Verständnis aufzubringen. In Iñáritus Erzählungen spielt sich das Leben nicht als eine chronische, lineare Handlung ab, sondern als eine zeitlich zersplitterte Abfolge von Fragmenten ab. Damit wird dem Zuschauer die Möglichkeit gegeben ein und dieselbe Begebenheit aus verschiedenen Sichtwinkeln zu betrachten. Die auftretenden Zufälle sind oft scheinbar von Gottes Hand gelenkt, die Grenze zwischen Schicksal und Zufall verschwimmt, die Auffassung von Sinn und Unsinn des Lebens vermischt sich.

 

Der Filmtitel ist angelehnt an die alttestamentarische Geschichte um den Turm von Babel. Die Bewohner von Babel planten einen bis in den Himmel ragenden Turm zu bauen, um so nah wie möglich an Gott heranzukommen. Entzürnt über den Größenwahn der Bewohner bestrafte Gott die Menschen, indem er sie auf der ganzen Welt verstreute und ihnen verschiedene Sprachen zuteilte. Seit diesem Vorkommnis existiert die Sprachenvielfalt auf Erden, die die Unfähigkeit inkludiert sich miteinander zu verständigen und damit auch Gewalt und Unheil auf der Welt zu verhindern. Diese Tatsache besitzt auch heute noch Gültigkeit, trotz technischen Fortschritts und der Verschmelzung der Erde zu einem „global village“ Die daraus resultierenden fatalen Folgen versucht uns der mexikanische Ausnahmekönner vor die Augen zu führen. Er hinterlässt aber auch ein Türchen Hoffnung für die menschliche Misere. Deutlich zu sehen in der Szene als Richard seiner Frau hilft ihre Blase zu erleichtern. In dieser intimen Situation kommen sich die einstigen Streithähne wieder ganz nah und überwinden alle Störfaktoren, die zwischen ihnen standen und besinnen sich auf ihre emotionale Verbundenheit. Die Erleichterung für den Zuschauer währt nur kurz, denn zeitgleich in Mexiko versucht eine verzweifelt handelnde Amelia sich und vor allem die Kinder des amerikanischen Ehepaares vor dem qualvollen Tod in der Wüste zu retten. Sie trennt sich von ihnen, wird aufgefunden und des rücksichtslosen Verhaltens beschuldigt. Dieser emotionale Konflikt spiegelt die Kluft zwischen angeblich demokratischen Staaten und Entwicklungsländern. Ganz eindeutig ist die Doppelmoral der USA zu erkennen, die unverzichtbaren Arbeitskräfte aus Mexiko werden menschenunwürdig und wie Bürger zweiter Klasse an der Grenze behandelt. Dass es in Österreich in jüngster Zeit ein ähnliches Phänomen mit illegalem Pflegepersonal aus dem Osten gibt, verdeutlicht die universale Gültigkeit des Dilemmas und sollte uns nachdenklich stimmen.

Herr Ináritu hat seinen Beitrag zur Völkerverständigung allemal geleistet. Er zeigt in raffiniert, verschachtelten Episoden, dass die Kommunikation nicht nur aufgrund von kulturellen und sprachlichen Barrieren scheitert. Mit zunehmendem Alter errichten wir geistige Blockaden, misstrauen nicht nur etwas fremdem, sondern auch unseren Nachbarn. Diese kollektive, paranoide Haltung der Gesellschaft, insbesondere nach den Vorkommnissen von 9/11 ist ein zentrales Thema des Ensemble Dramas. Die Laiendarsteller fügen sich zusammen mit der Starriege nahtlos in das komplexe Drehbuch und zum Schluss bleibt die Hoffnung, dargestellt durch die ausdrucksstarke, intensive Versöhnungsszene vom japanischen Mädchen und ihres Vaters auf dem Balkon eines Hochhauses.

 

Kommentare

 

sehr schöne rezension!!

der film ist auf jeden fall empfehlenswert. trotzdem hat inaritu vielleicht ein bisschen zu dick aufgetragen. ich kann mich zwar nicht mehr ganz genau an jede geschichte erinnern, weiß aber noch, dass alles viel zu oft rumzappte, sodass wenn es gerade wieder spannend wurde, man sich wieder auf die andere geschichte einlassen musste.

ich mochte die geschichte mit dem taubstummen japanischen mädchen sehr gerne, andere geschichten mich wenig angesprochen (der mexikoausflug, obwohl ich gael garcia bernal als schauspieler sehr mag).

_______________
xxxxx

 

Danke Marko, hätte nicht mehr gedacht, dass sich noch jemand zu meiner Rezension äußert. cheers!

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