Fahr‘ ma (nicht mehr) runter

08. Juli 2021

Meine Eltern haben ihre Dorfvilla verkauft. Skandal!

von Ivana Cucujkic-Panic

„Wieviel Jahr‘ auch noch vergehn‘, irgendwann bleib‘ i dann durt.“  Diese berühmten Songzeilen kennen die meisten älteren Semester noch aus dem Radio. Zum Text für diesen Austropop-Hit aus den 80ern könnten die Gastarbeiter dieser Zeit inspiriert haben. Dieselben Worte sind es nämlich, die sie an ihre Kinder jahrelang, wie eine kaputte Schallplatte, richteten. Vielleicht mit der Hoffnung auf Unterstützung zu ihrem Vorhaben, oder gar Begeisterung zur Nachahmung.


Irgendwann bleib i dann dort?
Es ist der alte Gastarbeitertraum, der Teil vieler Familien mit Migrationsgeschichte ist. Nach jahrzehntelangem, hartem Schuften und Sparen irgendwann, wieviel Jahr‘ auch noch vergehn‘, dort zu bleiben. Woher man gekommen ist. Wo auch schon alles bereit steht für die Rückkehr ins Heimatdorf. Das große Haus mit den vielen Schlafzimmern. Ausgestattet mit Hochglanzküche aus dem Lutz. Der deutsche Zweitwagen, der nur unten in Betrieb geht. Die liebevolle Stuckdekoration an Haustor und Wasserbrunnen. Die Idee ist gar nicht mal so schlecht. Es sich für den Lebensabend so gemütlich und luxuriös wie möglich zu machen, why not?


Ich erbe keine Gastarbeiter-Villa. Danke!
Machen die Deutschen auf Mallorca auch nicht anders. Mit dem Unterschied, dass Klaus und Hilde nicht daraufsetzen, dass ihre Enkel auch eines Tages die Finka beerben werden, um ihre bitter verdiente Betonoase in Schuss zu halten. Hier geht das Konzept der alten Jugo-Gastarbeiter eben nicht auf. Die Häuser bleiben leer. Die Jungen kommen nicht nach. Vielleicht schauen sie für einige Tage vorbei, um dann weiter nach Belgrad zum Partymachen zu ziehen. Die meisten leben ja bereits „drüben“. Kaufen Eigentumswohnungen und verzichten auf die horrenden Instandhaltungskosten der elterlichen Bauten. Meine Eltern haben mich hier um mein Erbe gebracht. Ja, sie haben auch gebaut. Sie haben aber wieder verkauft. Für die wenigen Tage, in denen die greisen Eltern im Altersheim besucht wurden, checkten sie im besten Hotel der Stadt ein. Mit Frühstück. Dafür haben sie sich jahrelangem Dorf-Gossip ausgesetzt. Das Haus war obendrein bloß einstöckig. Das sorgte ohnehin für viel Aufregung. Von mir gibt es für diese avantgardistische Entscheidung tausend Vernunftspunkte. Die greisen Eltern gibt es nicht mehr. Gründe zum Runterfahren bald auch keine mehr.


Von Daheim für immer fort
Vielleicht bleiben sie ja alle irgendwann ganz in ihrer neuen Heimat. Die alten Gastarbeiter. Wenn es zu mühsam wird, mit dem Bus den österreichischen Arzt zu besuchen. Und die Enkel, die man nur von WhatsApp-Videos kennt. Wenn die Treppen bis zum dritten Stockwerk immer tiefer in den alten, abgearbeiteten Hüften zu spüren sind und der Umzug ins benachbarte Altersheim die bittere, aber einzig rationale Alternative wird. Irgendwann bleiben sie dann durt. Lassen alles lieg‘n und steh‘n. Geh‘n von Daheim für immer fort.

 

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