Immer fleißig. Immer arbeiten. Nie aufsteigen.

13. September 2023

 

Foto: Zoe Opratko
Foto: Zoe Opratko

Back to School und zurück auf den Schulhof, wo ihr bitte nur Deutsch sprechts!

Am 26. September feiern wir den Tag der Mehrsprachigkeit, das irritiert uns aber nicht weiter. Pack deine Sprachskills zurück in die Schultüte. Präsentieren solltest du sie frühestens beim Bewerbungsgespräch für deinen ersten Job. Weil da, aber auch nur vielleicht, könnte das ein Wettbewerbsvorteil sein.

Mit viel Vitamin Ö

Wenn man bei gleicher Qualifikation viel Pech, aber ganz wenig Vitamin B oder Vitamin Ö hat, kriegt nicht Hassan, sondern Hans den Junior-Accounter Job. Zwei Etagen weiter im gläsernen Hochhaus brütet die HR-Verantwortliche Lena mit dem Management über innovative Konzepte, wie man wohl mehr Lejlas, also mehr Diversity und Inklusion ins Unternehmen bringen kann.

Mag. Dr. Taxifahrer

Vielleicht hat Hassans Vater, der promovierte Taxifahrer, der gerade draußen vorbeifährt, eine Idee? Aber wer hört schon auf ihn, obwohl er tagtäglich mit den Folgen konfrontiert wird, die entstehen, wenn man ihm bei der Anerkennung seiner Qualifikationen Steine in den Weg legt? Na, den fragen wir nicht. Der und all die vielen anderen Reinigungskräfte und Niedriglohnverdiener mit Diplom aus der Heimat verdonnern uns ja erst zu dieser Fleißaufgabe. Deren Hassans und Lejlas versauen uns heute die Statistik: Jede:r zweite Schüler:in in Wien lebt mit nichtdeutscher Muttersprache. Liest sich erst mal bedrohlich. Von Rekord und Höchststand in den Bezirken wird berichtet. Liest sich wie ein Problem. Aber was oder wer ist das Problem?

Lejla, DU bist das Problem!

Anscheinend Hassan und Lejla. Anscheinend die nichtdeutsche Sprache, die sie zuhause sprechen. Warum, wird nie wirklich erklärt. Anscheinend nicht der Mangel an mehrsprachigen Pädagog:innen (und überhaupt Lehrer:innen). Anscheinend nicht die jahrzehntelange Ignoranz politischer Verantwortlicher, ein veraltetes, nicht zeitgemäßes Bildungssystem zu ändern. Und weils jetzt bissl brennt, lassen progressive Ansätze aufhorchen: Im Schulhof soll nur mehr Deutsch gesprochen werden dürfen. Alles andere schafft Probleme, Gruppenbildung, schließt die Mitschüler:innen aus, blaaaa. Man könnte hier ja auch prinzipiell am Zusammenhalt in der Klasse, Kameradschaft, Freundschaft, Inklusion arbeiten und die Klassenvorstände, Direktion an ihren Job erinnern. Aber nein, behandeln wir einfach das Symptom.

Sarma statt Karriere

Und die Message an alle Hassans und Lejlas: Alle anderen Sprachen, die du beherrscht, sind nichts wert, machen Probleme, wollen wir hier nicht, bringen dich nicht weiter. Mit diesem Glaubenssatz performt Hassan für seinen ersten Job. Und bekommt ihn nicht. Es kann sein, dass Hans besser war. Oder nur super selbstbewusst aufgetreten ist. Es kann sein, dass Hassan bis zum fünften Stock und dann an die gläserne Decke gestoßen ist. Enttäuscht isst er noch schnell etwas in der Unternehmenskantine. Es gibt wieder „Balkan-Wochen. Hat sich die HR-Abteilung einfallen lassen. Um die Vielfalt im Unternehmen zu feiern, gibt es als Mittagsmenü Sarma mit Püree, nach dem Rezept von Branka, die an der Rezeption arbeitet. Wird ihm vielleicht sauer aufstoßen, die Diversity-Krautrollade. Kultureller Reichtum auf dem Speiseplan: njam, im Konferenzraum oder Klassenzimmer: pfuj. ●

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