Scheiss auf Supermutti

25. Februar 2021

Mein Name ist Ivana, ich bin zweifache Mutter und ich hab‘ die Schnauze voll.

Foto: Julie Brass
Foto: Julie Brass

Was sich nach einer Vorstellungsrunde der „anonymen schlechten Mütter“ anhört, ist der Versuch, das Kind beim Namen zu nennen: Mutterschaft ist ein beschissen harter Job. Man darf es nur nicht laut sagen. Ups.

Zugegeben, die Tonalität dieser Zeilen ist dezent aggressiv. Es gelingt mir nicht auf Anhieb mitten in der Nacht mit drei Stunden Schlaf in den Knochen, einem von Koliken geplagten Neugeborenen im Arm und einem Dreijährigen am Peak der Trotzphase, weichgespülte Kitschphrasen übers Mutterglück in die Tastatur zu klopfen. Entweder mein Oxytocin-Pegel ist im Keller oder meine Mom-Skills sind einfach grottenschlecht. Aber hey, Mutti hat’s doch auch gepackt! Bin ich doch genau mit diesem Frauenbild sozialisiert worden: Die Mutter als stoische Heldin des Alltags, die täglich (!) eine warme Mahlzeit (selber) zubereitet, für den Parkettboden ein eigenes Putzmittel verwendet, Übergriffigkeiten der Schwiegerfamilie zenartig mit einem Lächeln abschmettert und es schafft, ihren Morgenkaffee heiß zu trinken. Aber vielleicht ist da ja ein Schuss Schnaps drin...

 

FRAU, MUTTER, KÖNIGIN

Anyway. Diese glorifizierte Standhaftigkeit wird seit Generationen hindurch mit dem Slogan „Kad je Majka mogla“, also „Wenn Mutti das gepackt hat“, weiter auf dem Podest gehalten. Nix anderes als ein Marketing-Schmäh. Und damit sich diese Mogelpackung der anzustrebenden Überfrau besser verkaufen lässt, drückt man ihr ein sexy Branding auf: Žena, Majka, Kraljica. Frau, Mutter, Königin. Für eine Balkanfrau ist damit der Plafond der Komplimenten-Skala erreicht: Über ihr thront niemand mehr. Super-Woman auf Jugo quasi. Denn wehe, eine Jungmutter drängt der Alltag mal an den Rand des Nervenzusammenbruchs, dann kommt stracks ein Witzbold um die Ecke und watscht sie verbal ab: „Kad je Majka mogla“. Will meinen: Goschn halten, Krönchen richten und Babykotze vom Cape wischen.

 

DAS KRÖNCHEN WACKELT

Mein Krönchen rutscht mir ständig von den fettigen Haaren beim Versuch, die Nummer vom Chinesen ins Handy zu tippen, die Staubwolken unter die Couch zu schieben, das Shirt von letzter Woche mit Parfum zu übertünchen und dabei my inner soul auf der Think-Positive-App auszubalancieren.

Oh, aber da haben die Jugos für das Vernachlässigen der eigenen Bedürfnisse noch so einen flotten Slogan in petto: „Slatke muke“ - „süße Qualen“- dieses Elternleben. Für so viel Zynismus hab‘ ich einfach keine Kapazitäten. Wir sind grad mitten im dritten Entwicklungssprung und ein in die Hälfte geschnittenes Croissant ist für den Dreijährigen pretty serious shit. Nein, das süße Babylächeln ist nicht Belohnung genug und alles ist damit sicher auch nicht vergessen.

Aber sehen wir das ganze mal positiv, sagt meine App: Das Leben mit zwei kleinen Kindern qualifiziert mich für jeden CEO-Job der Welt. Stressresistenz, Hands-on-Mentalität, Durchhaltevermögen, Leadership, Risiko-Management – Mommy got skills. Meine Bewerbung schick’ ich morgen ab. Mutti muss den Busen auspacken, die Nachtschicht beginnt.

* Oxytocin ist ein Kuschel-Hormon

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