„Wir bringen Menschen auch während des Krieges zum Lachen!“

07. Dezember 2022

Nazerke Amirova und Dmitri Garmash sorgen bei der russischsprachigen Community in Wien für lustige Pointen – auch trotz – oder gerade aufgrund des Krieges in der Ukraine. Biber-Stipendiatin Jasmine Zehrawi hat sie vor einem Gig getroffen. 

 

Von Jasmine Zehrawi, Foto: Alex Dietrich

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Foto: Alex Dietrich

BIBER: Wie habt ihr euch kennengelernt?

Dmitri: 2019 habe ich Nazerke bei einer Stand-Up-Performance in Wien kennengelernt, bei der wir beide dabei waren. Daraufhin habe ich ihr vorgeschlagen, einen Comedy-Club „Otkrovena“ (dt.: Ein Wortspiel aus „otkrovenij“ – offenherzig und „Vena“ – Wien) zu gründen, der zuerst nur aus ihr und mir bestand. Mit der Zeit schlossen sich uns auch andere Komiker:innen an. Zuerst traten wir vor 20-30 Leuten, später waren es 100-150. 

Nazerke: Bei unserem ersten gemeinsamen Auftritt waren Dimas (Anm.: Dima ist ein Spitzname für Dmitri) Eltern dabei, es war mir sehr peinlich vor ihnen sex-bezogene Witze zu machen (lacht).

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Foto: Alex Dietrich

Wie reagieren die ZuschauerInnen, wenn ihr den Krieg thematisiert?

Dmitri: Die meisten – mit Verstand. Außerdem, muss Stand Up auch sehr zeitkritisch sein. Die Zeiten sind angespannter geworden, ganz wenige Zuschauer:innen haben uns aufgrund der russischen Herkunft mancher unserer Komiker:innen boykottiert. Der Großteil der Zuschauer:innen jedoch bedankt sich nach jedem Auftritt für die lustige Stimmung, die vor allem in diesen Zeiten so wichtig ist. Wir versuchen mit Spendengeldern und Humor die Gemeinschaft zusammenzuhalten. Wir ignorieren den Krieg nicht, sondern machen uns über korrupte Politiker in unserer alten Heimat lustig. Ich lache oft genug über mich selbst als Russe, Selbstironie ist wichtig in Tagen wie diesen. 

 

Nazerke: Sie reagieren größtenteils positiv und erwarten sogar von uns, dass wir darüber reden. Unsere Zuschauer:innen kommen aus dem ganzen ehemaligen UdSSR und verstehen selbst, wie schrecklich dieses Kriegschaos ist. Ich glaube, es ist wichtig für uns als Komiker:innen, bei solchen Situationen nicht zu schweigen, sondern sensible und schmerzhafte Themen anzusprechen.

 

Könnt ihr uns einen Vorgeschmack zu eurem Comedy-Programm geben?

Nazerke: In Kasachstan wurde eine 40-jährige Frau zwangsverheiratet. Für kasachische Frauen gilt die Wehrpflicht wohl das ganze Leben.

 

Dmitri: Wladimir Putin könnte ein guter Fitnesstrainer sein. Sein Programm würde heißen: Ich werde deine Verfassung ändern! (Bezugnehmend auf die Verfassungsänderung in Russland in Jahr 2020, die Wladimir Putin ermöglicht hat, weitere 16 Jahre an der Macht zu bleiben).

 

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Foto: Alex Dietrich

Dmitri, wie reagiert deine Familie in Russland auf deine Auftritte?

Dmitri: Meine Eltern leben längst außerhalb Russlands, aber der Großteil der Familie ist immer noch in Samara, meiner Heimatstadt. Nur um klarzustellen – ich bin kein großer Profi-Komiker, daher hat meine Familie meine Auftritte kaum gesehen. Sie sind aber zumindest froh, dass ich in dem sicheren Land wohne. In Russland können dich sogar harmlose Witze in Gefahr bringen. Ich weiß nicht, wann ich meine Familie das nächste Mal besuchen werde, derzeit ist es ganz gefährlich rüber zufliegen. Zurück zum Humor: natürlich gibt es immer Selbstzensur, aber wir können nicht unseren Alltag, darunter auch Krieg, einfach ignorieren. Denn echter Stand Up ist die Spiegelung der Gesellschaft.

 

Nazerke, Dmitri und ihrem Kollektiv könnt ihr auch auf Instagram folgen: @otkrovenastandup

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