Fluchtgedanken

19. März 2020

Corona, Meinung

"Kannst du kurz mit mir schauen ob ich eh alles hab?", frage ich meinen Freund. Er kommt ins Zimmer und sieht mir beim Einpacken zu. Drei Pullover, sieben T-Shirts, acht Paar Socken, vier Hosen - "Du packst mehr Hosen als Pullover ein?". Er runzelt die Stirn und schmunzelt. Ich schaue zuerst auf meinen Koffer und dann zu ihm. Wir wissen, dass der Koffer groß genug ist. Alles wird Platz haben.

"Wir stehen vor der Haustür. Bringt ihr die Sachen raus?" Mein kleiner Bruder ist am Telefon. Wir nehmen den Koffer und die Rucksäcke und packen alles in unser kleines rotes Auto, das mitten in der Einbahnstraße vor meiner Wohnung parkt. "Danke, dass ihr uns abholt!" sage ich zu meiner Mutter. Ein letzter prüfender Blick in den Kofferraum, alles drinnen. Ich plane die Route. Ziel: ein Ort, an dem ein voller Vorratskeller und ein großer Garten auf uns warten. Wir haben noch eine lange Autofahrt vor uns und müssen ein paar Umwege machen. Die Grenzen werden langsam zugemacht. Aber wir werden ankommen.

Fühlt‘ sich an wie fliehen, denke ich für einen kurzen Moment. Mir wird sofort schlecht. Mein Wegwollen gegen ihr Wegmüssen. Mein entspanntes Kofferpacken gegen ihr das-Nötigste-mitnehmen. Meine Autofahrt auf dem Rücksitz gegen ihre zum Kentern gezwungenen Schlauchboote. Ein Polizeiauto fährt auf der Autobahn an uns vorbei. In ein paar Stunden werden wir ankommen, in meiner vertrauten Heimat. Sie aber werden zum Weiterziehen gezwungen, von einer Fremde in die Nächste. Mich werden die offenen Arme meiner Familie begrüßen, während auf sie die geballten Fäuste rechtsradikaler Gruppen warten. Ich verbringe die Zeit in Quarantäne in Tirol und sie verbringen die Zeit unter unmenschlichen Bedingungen an der Grenze in Griechenland. Ich wünsche mir mehr Komfort. Sie wünschen sich Sicherheit. 

"Sind wir hier richtig?" Die Frage meiner Mutter reißt mich aus meinen Gedanken. Ich schaue auf die Karte auf meinem Handybildschirm. Die größten Unannehmlichkeiten, die uns im Auto noch bevorstehen, sind die Kurven einer Bergstraße. Ich muss mir um uns keine Sorgen machen. Aber um die anderen schon.

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