„Unsere“ Jugendliche und ein Sozialunternehmen: Sindbad-Mentoringprogramm

05. Februar 2021

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Sindbad
Kickoff-Sindbad Mentoring Programm © Simon Binder-Krieglstein

Die Jugendarbeitslosigkeit und Abbruchquoten nach dem Pflichtschulabschluss steigen besonders für die Jugendlichen aus den sogenannten „Brennpunktschulen“. Das Mentoringprogramm von Sindbad will diese Probleme lösen.

„Was möchtest du werden, wenn du groß bist?“ - Nicht jeder hat genug soziales und finanzielles Kapital, um diese Frage zu beantworten. Das Sozialunternehmen „Sindbad“ unterstützt Jugendliche im neunten Schuljahr bei ihrem nächsten großen Schritt in Richtung Lehre oder weiterführende Schule. In diesem Zusammenhang habe ich letztes Jahr meine „Mentee“ Denia kennengelernt, als sie in ihrer letzten Schulstufe im NMS Adolf-Loos-Gasse im 21. Bezirk war. Sie kam mit sieben aus Alkosch (Irak) nach Wien und ist mittlerweile 15 Jahre alt.  Momentan besucht sie die Handelsakademie Maygasse im 13. Bezirk. Als ich ihr das erste Mal erzählte, dass ich als ausländische Studierende seit fünf Jahren alleine in Österreich lebe, sagte sie mir besorgt: „Oh, du kannst aber jederzeit zu uns kommen, wenn du dich alleine fühlst.“ Ich muss jedes Mal lächeln, wenn ich daran denke. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich so eine liebevolle Mentee habe.

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Denia und ich ©Sophie Haidinger

Nachdem ich Denia kennengelernt hatte, haben mich die Themen, die Jugendliche mit Migrationshintergrund betreffen, noch mehr beschäftigt. Janet Kuschert, die Geschäftsführerin von Sindbad Österreich betont, wie wichtig es ist, den gesellschaftlichen Zusammenhang durch das Zusammenbringen von Menschen zu verstärken, die sich wahrscheinlich sonst nie kennenlernen würden.

Der Begriff „Brennpunktschule“

Gerhard Blabensteiner, der sowohl als Lehrer in der MSi Feuerbachstraße als auch als Geschäftsführer bei Sindbad Wien tätig ist, gefällt dieser Begriff überhaupt nicht. Er findet ihn stigmatisierend: „Wir möchten unser Programm vorwiegend Jugendlichen zur Verfügung stellen, die sozioökonomische Benachteiligungen erfahren, deshalb präsentieren wir unser Programm auch hauptsächlich an sogenannten „Brennpunktschulen“. Dieser Begriff ist leider eine gesellschaftliche Zuschreibung, die von außen an diese Schulen herangetragen wird. Wir möchten daran arbeiten, dass diese Zuschreibung nicht mehr relevant ist.“  Janet Kuschert denkt, ein anderer Begriff würde das Problem auch nicht lösen und meint, dass viele Mentees, mit denen Sindbad arbeitet, aus diesen Schulen kommen. Der Migrationsanteil in den Schulen beträgt teilweise 98%: „Gerade diese Jugendlichen haben es am österreichischen Arbeitsmarkt sehr schwer. Zum Teil gibt es fehlende Deutschkenntnisse oder ein schlechtes Schulzeugnis.“ Auch Denia bestätigt dies und sagt, dass es in ihrer Klasse nur zwei österreichische SchülerInnen gab.

Reputation von Lehre

Dass es ca. 200 Lehrberufe in Österreich gibt, wusste ich selbst nicht, als ich Denia bei ihrer Entscheidung für eine weiterführende Schule begleitet habe. Zuerst wollte sie eine Lehre als pharmazeutisch-kaufmännische Assistentin, dann als Bürokauffrau machen. Daneben besuchten wir auch die Bafep (Bildungsanstalt für Elementarpädagogik) im 9. Bezirk und schrieben Motivationsschreiben für mehrere Handelsakademien. Ehrlich gesagt war ich sehr froh, als sie die Zusage für die HAK bekam, weil ich selber eine HAK besucht habe. Jetzt hinterfrage ich jedoch meine Unwissenheit im Bereich der Lehre. Auch Janet Kuschert fordert hier Aufklärungsarbeit über die Lehrberufe und sagt: „Natürlich hat die Lehre ein schlechtes Image, wenn ich denke, ich kann nur diese fünf Dinge machen.“  In Bezug auf die Gehälter betont sie auch, dass einige von den Mentees vom Sindbad-Mentoringprogramm nach der Lehre ein höheres Einstiegsgehalt haben als viele ihrer FreundInnen, die studiert haben.

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Janet Kuschert © Carolina Revertera

Status ist in unserer Gesellschaft nicht unwichtig

Gerhard Blabensteiner sieht einen Zusammenhang zwischen der sozialen Reputation und finanzieller Wertschätzung. Als Lehrer an einer Mittelschule betont er die Unterschiede zum Gymnasium: „Es wirkt so, als wären die Unterschiede teilweise gesellschaftspolitisch herbeigeführt. Innerhalb derselben Altersklasse betreiben wir zwei verschiedene Schulformen, die ganz unterschiedlich ausgestattet sind. Das beginnt bei den Personalkapazitäten in der Schulleitung und setzt sich bei den Gehältern der Lehrkräfte und der Schulaustattung insgesamt fort.“" Auch in Bezug auf die Jugendarbeitslosigkeit sagt er, dass der Abschluss an einer Mittelschule schlechtere Startchancen mit sich bringt: „Man hat mit einer abgebrochenen HTL teilweise bessere Chancen auf eine Lehrstelle als mit einem guten Abschluss von der Polytechnischen Schule oder FMS.“

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Gerhard Blabensteiner © Jakob Kramar-Schmid

Wie man gegen diese Ungerechtigkeit kämpfen kann

Gerhard Blabensteiner betonte die Informationskluft zwischen Lehrstellesuchenden und den Betrieben, die ihre Lehrstellen nicht füllen können. Da soll Sindbad als Schmiermittel wirken. Die Zusammenführung der beiden Schulformen (Mittelschule und Gymnasium) zu einer einheitlichen Schule für „unsere“ Jugendlichen könnte ein wichtiger Schritt für eine chancengerechte Gesellschaft sein. Besonders junge Erwachsene mit Migrationshintergrund möchte Sindbad somit ermutigen, sich als MentorInnen zu engagieren.

Sindbad ist ein Sozialunternehmen und bringt seit 2016 SchülerInnen im letzten Pflichtschuljahr mit jungen Erwachsenen in Form eines Mentoringprogramms zusammen. 2020 waren es österreichweit 792 Mentoringteams, die vom gegenseitigen Austausch profitiert haben. Für mehr Informationen: https://www.sindbad.co.at/

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