Was Rassismus mit Mundhygiene zu tun hat

06. Oktober 2020

Rassismus an Schulen? A never ending story. Vor allem für Menschen mit Migrationserfahrung. Alltagsrassismen waren auch Teil meines Schulalltags. Trotzdem hebt der Bericht einer Lehrerin im Bad Haller Kurier hervor: Ja, es ist zwar nichts Neues, aber er zeigt mal wieder wie real und vor allem salonfähig Rassismus geworden ist. 

 

Vorgestern, am 5.10.2020, kursierte auf Twitter (Link unten) ein Artikel aus dem Bad Haller Kurier und sorgte für einen Aufschrei. Eine Lehrerin in Bad Hall beschreibt ihre Erfahrungen und die Konfrontation mit Rassismus, die ihre Schüler_innen im Zuge einer Straßenumfrage im Ort erfahren mussten. Vom Straßenseitenwechsel bei Schwarzen Jugendlichen bis Beschimpfungen wie „Gsindl“ und „Schleicht‘s eich!“ war im selbstverfassten Text der Lehrerin die Rede. 

 

Screenshot Tweet Thomas Rammerstorfer

 

Als ich mir, als Enkelin eines türkischen Gastarbeiters, den Artikel durchgelesen habe, dachte ich mir: Okay, wow, jetzt kommt der zigtausendste Aufschrei zu Rassismus an Schulen. Was ist daran neu? Ich stumpfe auf eine gewisse Art ab. Es ist, als ob dir der nervige Kollege auf der Arbeit jeden Tag auf die Schulter klopft und dir mit seinem ekligen Mundgeruch dieselbe Frage stellt. Jeden Tag. Rassismus ist wie die fehlende Mundhygiene der Menschen, die ihn in die Welt setzen. Und das, was sie sagen, riecht auch sehr übel. Das erschreckende dabei ist, dass zu meiner Schulzeit, die sich in einem unterfränkischen Dorf in Bayern abspielte, die Menschen damals wenigstens den Mund gehalten haben. Der Rassismus war subtiler. Ich habe ihn zwar gespürt aber, wenn ich die Symbolik weiterführe, nur nicht gerochen. Als Kind versteht man es nicht so genau. Ich wollte auch blonde Haare und blaue Augen haben und wie die anderen sein. Bei einer schlechten Note nicht daran denken, ob es daran liegt, dass mir meine Eltern den Unterrichtsstoff irgendwann nicht mehr so gut erklären konnten. 

Wenn ich heute über meine Rassismuserfahrungen nachdenke, dann sehe ich immer mein zwölfjähriges Ich. Für mich war es die prägendste Zeit und auch die stärkste Konfrontation mit diesem Fremdheitsgefühl. Man gewöhnt sich an den Mundgeruch bzw. muss man sich an ihn gewöhnen. Was ich an Bad Hall so fatal finde: Diesen Clash zwischen kindlicher Gutmütigkeit, diesem frischen Willen etwas zu lernen und dem offenkundigen Rassismus. Diesem ekligen Mundgeruch rassistischer Menschen, der von einer Magenkrankheit tief im Inneren der Menschen rührt. Diese Krankheit vergiftet sie innerlich und macht nicht einmal Halt vor Kindern. 

Manchmal komme ich wirklich an den Punkt, an dem ich sagen muss, es macht mich einfach verdammt müde. Manchmal bringe ich noch die Energie auf, Vorurteile zu dekonstruieren aber bei diesem Fall ist es einfach eine fehlende Menschlichkeit, da gibt’s nichts zu dekonstruieren. Der Glaube, Kinder davor verschonen zu können, der kläglich scheitert. Schon wieder sitzt die nächste Migrantin hinterm Laptop und empört sich darüber. Diese verdrehte Kommunikation ist augenscheinlich absurd, die Solidaritätsbekundungen der Twitterblase haben ihre Grenzen: oft bleibt es im Internet. Die Frage stellt sich: Wann ändert sich was? Egal ob es das unterfränkische Dörfchen oder Bad Hall ist. Es ist egal wo. Rassismus kennt keine Grenzen und vor allem keine Mundhygiene.

 

Link zum Tweet: https://twitter.com/TRammerstorfer/status/1313082447454760960

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